"(...) Mit flüchtigem Alltagsblick sind die Skulpturen von Annette Jauß kaum zu durchschauen. Diese Bildwerke erinnern durch ihr unregelmäßiges, rissiges, ja geradezu schrundiges Äußeres eher an etwas Naturgewordenes als an die blanken Oberflächen klassischer Bildhauerkunst. Nicht mit dem Meißel herbeigehauene Glätte stellen sie vor Augen, sondern die unendlichen Formmöglichkeiten organischen Wachstums und natürlichen Verfalls. Dem Betrachter, der sich nach leicht deutbarer Kontur, nach dramatischer Wucht oder doch zumindest nach dekorativer Harmonie sehnt, geben sie Rätsel auf. Hat man es etwa mit den Ergebnissen eines ungezielten Schaffensprozesses zu tun? Bilden sich hier aus den halb vorgefundenen Formen der Natur plötzlich Gestalten heraus, so wie wir in den Formen der Wolken zuweilen ein Kamel sehen, daneben einen wehenden Haarschopf und dazwischen ein „unverhofftes Blau“? Ordnen sich die Details dieser Gestalten einer darzustellenden Form unter? Ist Annette Jauß vielleicht eher eine Formdeuterin als eine Formgeberin? Vor allem ist Anette Jauß bescheiden. In einem Interview beschreibt sie die Arbeit an ihren Bronzen als schlichten Prozeß des Suchens, Sehens und Findens: „Bei den kleinen und eher filigranen Figuren“, heißt es da, „die man aus Wachs formt, war es schon immer erforderlich, ein Stück Holz zur Stabilisierung einzuarbeiten. In den letzten Jahren entdeckte ich den Reiz, der davon ausgeht, wenn ich besonders schön geformte Fundstücke einfach stehen ließ und sie nicht mehr im Wachs versteckte. Später fügte ich dann noch – jetzt völlig unabhängig von der Stützfunktion -, interessante Fundobjekte hinzu, die im Bronzeguß ihren eigenen Reiz entwickeln. Manche Arbeiten wirken dadurch fast spielerisch. So sammelte ich beim Spazierengehen manchmal kleine Aststücke oder getrocknete Blumen, Früchte und Pflanzen, die ich in eine Skulptur einbauen wollte.“ Eine leichte, fast beiläufige Kunst also, diese für Bronzegüsse ganz ungewöhnliche Collagetechnik, eine Kunst im Spazierengehen, ein bloßes Nehmen hier und da? Und dann ein „eigener Reiz“ der Fundstücke, viel Eigenwille des Werks und wenig Zutun der Künstlerinnen-Hand? Von diesem Eigenwillen des Werks spricht zumindest auch eine andere Äußerung von Anette Jauß, über ihre Stein-Skulpturen, von denen hier u.a. eine große Stele, das „Zusammenspiel“ und der „Traum des Moguls“ zu sehen sind: Der Stein, stellt sie da fest, suche sich sie, die Künstlerin aus, nicht umgekehrt. Den arglosen Zuhörer schicken solche Beschreibungen zweifellos ein wenig auf den Holzweg: Ganz so beiläufig und unbewußt dürfen wir uns das Schaffen von Annette Jauß nicht vorstellen. Auch hinter diesem Spiel steckt hoher Kunsternst. Die Selbst-Erläuterung versteckt da wohl mehr, als sie preisgibt. Bereits der Lebenslauf der Bildhauerin sollte vor dem Allzuwörtlichnehmen warnen: Schließlich handelt es sich bei der in Heidelberg Geborenen, die in Konstanz aufwuchs und dort das Suso-Gymnasium besuchte, um eine akademisch ausgebildete Künstlerin. Sie absolvierte die Münchener Kunstakademie, war Meisterschülerin des Bildhauers Erich Koch, hat Kunstreisen in alle Welt unternommen und zeigte ihre Arbeiten in vielen Ausstellungen. Bereits dieser Hintergrund weckt Zweifel an dem Eindruck, ihr Schaffen sei allein Blütenlese in müßigen Stunden. Und wer Augen hat, zu sehen, dem bestätigt sich der Zweifel bei näherer Betrachtung schnell. Denn ein Vergleich der verschiedenen Werke, wie er jetzt hier in der Galerie Bagnato möglich ist, zeigt recht bald ein besonders bei den Bronzen streng durchgehaltenes Muster. Fast alle Formen entwickeln sich aus einer langgezogenen, in der Regel aufstrebenden Gestalt, die zudem fast immer einen leicht gespannten Bogen beschreibt. An diese Bogenlinie lagert sich einmal mehr einmal mehr, einmal weniger Stoff an. Aus ihr sprießen Ableger, Tentakel, Ärmchen hervor. Zweifellos hat man es mit einer Art von emporwollender Wurzel zu tun, die alle Werdemöglichkeiten enthält, und die gerade erst beginnt, den Weltenstoff zu ergreifen und sich anzuverwandeln. Ein Schlüssel scheint sich in einer kleinen Bronze zu finden, in der diese aufstrebende Bogenlinie fast ohne alle Umhüllungen auskommt: „Kleine Seele“ lautet ihr Titel, dessen Ernst sich noch einmal hinter der ironischen Vexation der pathetischen Wendung von der „großen Seele“ versteckt. Ist die Kunst von Annette Jauß also auch eine Seelenkunst? Manches spricht dafür, nicht zuletzt die geheime Nähe zur alten ikonographische Tradition, in der Seelen als reduzierte Körper dargestellt werden, als Zwerge, als verkleinerte Ab- oder besser Urbilder ihrer Besitzer, oder auch als Fäden, als wehende, leicht gebogene Schleier, die in einem schemenhaften Gesicht enden. Wer die Werke von Annette Jauß aus dieser Perspektive betrachtet, kann in ihnen den Roman der Seele lesen. Das beginnt mit dem Einsinken in die Welt und dem dämmernden Bei-sich-Sein wie in der Stein-Plastik „In sich versunken“. Das geht weiter mit dem Aufstreben wie in der großen Stele, die Sie vor dem Eingang begrüßt hat, oder mit der Sehnsucht nach einem Gegenstück wie im „Traum des Moguls“. Der Jubel der Seele, ihr strahlendes Aufblühen, gewinnt in „Palmsonntag“ Gestalt, die Begegnung im „Zusammenspiel“ oder im „Glücklichen Paar“. Aber auch der Schmerz, die Verirrung wird sichtbar, wie in der eingeschnürten Stacheldraht-Seele des „Kriegers“. Dabei gibt es nicht allein den hohen Ernst des strahlenden “Engels”, an dem alles Verkündigung und Messingschall ist. Manches wirkt heiter, lustig, fast schon karikaturistisch. Die Tiefe, der sich diese Arbeiten verdanken, ist alles andere als eintönig und einzig weihevoll. Auch das Fröhliche, das Eigenartige und Kuriose wurzelt bereits in ihren Abgründen. Spiel und Fröhlichkeit scheinen bereits vor dem Geist und vor dem Wort dazusein. (...)"
Text von Claus Dietrich Hentschel anläßlich der Vernissage in der Galerie Zeherith, Rottweil 2008 (Auszug):
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